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Darf's ein bisschen weniger sein?
Von Dr. Maria Feige-Osmers



Kurz und deutlich vorangestellt ist festzustellen, dass sich beim Fleischkonsum die Befürworter und Gegner über die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit heftig streiten. Die Frage, ob Fleisch gesund ist, ist zu vielschichtig, um sie einfach mit Ja oder Nein beantworten zu können.

Es gibt Völker, die sich hauptsächlich von tierischen Produkten ernähren. Allen voran sind die Eskimos zu nennen. Je weiter wir uns auf der Erde in Richtung Äquator bewegen, umso höher wird bei den einzelnen Völkern der Anteil der pflanzlichen Lebensmittel bis hin zu vollkommen vegetarischen Ernährungsweisen.


Fleischverzehr: notwendige Lebensgrundlage, Genuss oder Krankheitsursache?

Global betrachtet ist der Mensch ein Gemischtköstler – auch Alles-Esser genannt. Sein Ernährungsverhalten wurde im Wesentlichen vom regional vorhandenen natürlichen Angebot bestimmt, bis der Mensch dieses durch Sesshaftwerden, Domestizierung und Landbewirtschaftung massiv beeinflusste. Auch religiöse und kulturelle Regeln und Riten trugen und tragen noch heute ihren Teil zur Zusammenstellung des Speiseplans bei.

Die Völker und Rassen sind mit ihren ursprünglichen, herkömmlichen Ernährungsgewohnheiten gesundheitlich immer gut zurechtgekommen, solange keine Hungerperioden auftraten. Das Problem für die menschliche Gesundheit war in früheren Zeiten die Mangelsituation. Derzeit gibt es weltweit viele Regionen, in denen nach wie vor der Hunger zu schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt, heute aber nicht aufgrund allgemeinen Mangels, sondern aufgrund sozial und global bedingter Armutssituationen. Zu solchen Situationen kommt es inzwischen sogar in den reichen westlichen Ländern – auch in Deutschland. Mit einem nach Hartz 4 zugestanden Budget von 2 bis 3 Euro pro Tag für Nahrungsmittel kann sich niemand ausreichend mit allen Nährstoffen versorgen.

Demgegenüber besteht aber bei vielen Deutschen das Problem, dass sie sich trotz eines ausreichenden Budgets fehlernähren – und zwar durch zu viele und falsch zusammengestellte Nahrungsmittel. Deutlich ausgedrückt heißt das: Vor vollen Tellern und Lebensmittelregalen kommt es zur Mangelernährung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass bald erstmals so viele Menschen an den Folgen von Überernährung sterben wie durch Hunger.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) stellt in ihrem jährlichen Ernährungsbericht gebetsmühlenartig fest, dass wir durchschnittlich zu viele Kalorien, zu viel Zucker und Salz, zu viel Fett und zu viele tierische Eiweiße (vor allem Fleisch und Eier) zu uns nehmen. Dagegen fehlen die Ballaststoffe, die ausreichend nur in pflanzlicher Kost enthalten sind.

In Zahlen ausgedrückt heißt das: Unsere Energiezufuhr sollte idealerweise zu 55 bis 60 Prozent aus Kohlenhydraten (hauptsächlich Pflanzen), zu 30 Prozent aus (vorzugsweise pflanzlichen) Fetten und zu 8 bis 10 Prozent aus Proteinen (sowohl pflanzlicher als auch tierischer Produkte) bestehen. Tatsächlich essen wir aber 36 Prozent Fett (zu viel davon sind auch noch tierische, versteckte Fette), 45 Prozent Kohlenhydrate (mit einem viel zu hohen Anteil an Weißmehl und Zucker) und 14 Prozent Proteine. Das Ergebnis dieser durchschnittlichen Ernährungsform und des gleichzeitig stattfindenden Bewegungsmangels ist die Zunahme von Zivilisationskrankheiten in einem erschreckenden Ausmaß wie Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Erkrankungen des Bewegungsapparates (Bandscheibenschäden, Artrose, Osteoporose), Fettsucht, Gicht, Fortpflanzungsstörungen, Krebserkrankungen.

Die Folge: Wir begegnen auf der Straße einer immer größer werdenden Zahl Übergewichtiger. Britische Forscher warnten deshalb auch 2004 davor, dass die jetzige Kindergeneration in den westlichen Ländern die erste seit 100 Jahren sein könnte, deren Lebenserwartung sinkt.

Die groß angelegte, seit 1992 an über 480.000 Menschen durchgeführte Europäische Studie über die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krebs (EPIC) hat ergeben, dass ein Pro-Kopf-Konsum von mehr als 160 Gramm »rotem« Fleisch (Schwein, Lamm, Rind) pro Tag das Darmkrebs-Risiko erhöht. – Empfohlen werden weniger als 20 Gramm pro Tag.


Was können wir tun? – Zwei Grundregeln

Es ist einerseits dringend erforderlich, dass wir uns mehr bewegen, andererseits muss im Ernährungsbereich einiges geändert werden.

Viele Studien sowie das Ernährungsverhalten ganzer Volksgruppen belegen, dass eine abwechslungsreiche, fleischlose Kost niemals zu Mangelzuständen führt, sondern gesundheitsfördernd ist.

Mit Hilfe zweier Grundregeln, die seit einigen Jahren bundesweit von führenden Ernährungsfachkräften, wie z.B. von den Unabhängigen Gesundheitsberatern (UGB) der Giessener Schule und den Verbraucherzentralen empfohlen werden, ist es schon fast kinderleicht zu nennen, den richtigen Weg einzuschlagen:

1
Jeder sollte täglich zwei Hände voll Obst und drei Hände voll Gemüse – möglichst frisch zubereitet – zu sich nehmen. Bemessungsgrundlage ist dabei immer die eigene Hand.

2
Die Gemüse- und Obstmahlzeiten sollten täglich alle Ampelfarben enthalten. Dadurch wird automatisch Vielfalt erreicht.


Werden diese einfachen Regeln eingehalten und zusätzlich frische Kräuter und Gewürze hinzugefügt, dann erhält man große Mengen an Ballaststoffen, Mineralstoffen, Vitaminen und sekundären Pflanzeninhaltsstoffen, die die Gesundheit positiv beeinflussen und u.a. einige Krebsarten vorbeugend verhindern können. Der Sättigungsgrad ist schneller erreicht, so dass der Appetit auf große Fleischmengen abnimmt.

Das wiederum hat zur Folge, dass nicht mehr zu viel Eiweiß, nicht mehr zu viele tierische Fette aufgenommen werden. Wer darüber hinaus pflanzliche Öle – am besten sind Raps-, Oliven-, Lein- und Sesam-Öl – zum Kochen verwendet, nimmt gesundheitsfördernde Omega-3-Fettsäuren in ausreichender Menge auf. Vollkorn-Getreide-Produkte, Ei- und Milch-Erzeugnisse reichern diese Kostform mit weiteren wertvollen Energie-Lieferanten, Eiweißen, Mineralstoffen und Vitaminen an. Die hier empfohlenen Ernährungs-Tipps basieren auf Erkenntnissen aus einer Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen, wie z.B. der bereits erwähnten EPIC-Studie.

Würden alle Menschen die obigen Verhaltensempfehlungen berücksichtigen, hätte das positive Auswirkungen auf die persönliche Gesundheit, die Volksgesundheit und damit die volkswirtschaftlichen Kosten im Gesundheitsbereich, auf die Agrarwirtschaft und globale Zusammenhänge: Wir benötigten keine industriellen Tierhaltungsanlagen mehr. Alle Tiere könnten artgerecht gehalten werden, was positive Auswirkungen auf die Tiergesundheit hätte und damit auch auf die Qualität der tierischen Produkte. Weniger Kot und Gülle würden anfallen, weniger pflanzliche Monokulturen würden die biologische Vielfalt und die Böden und das Grundwasser belasten. Gleichzeitig wäre genügend Nahrung für alle Menschen vorhanden. Denn es würde kaum noch die so genannten Veredelungsverluste geben.


Maria Feige-Osmers ist Agraringenieurin und Ernährungs-
physiologin. Sie sitzt für Die Grünen im Meppener Stadtrat und gehört dem BUND an.


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